In memoriam Roland Baader

Zur Roland Baader-Gedenkfeier am 14.2.13

Liebe Freiheitsfreunde:

Freiheit geht nicht ohne Begeisterung!

Vielleicht 1992, jedenfalls schon nach der sogenannten Wende, kam mir im Mittelungsblatt der Privatzahnärztlichen Vereinigung ein Artikel in die Hände, in dem es ausnahmsweise nicht in sachlichem Ton um den aktuellen Stand des Wahnsinns von Gesundheits- und Wahrheitsreformen ging – harmlos das alles im Vergleich zu heute! – , sondern in dem von Faulärschen, Strauchdieben, Wegelagerern und Stempelfuchsern die Rede war. Das sprach mir aus der Seele, zumindest aus einem grossen Teil derselben, denn ich war aufgewühlt und hatte immerhin schon gemerkt, dass mit dem überkommenen Weltbild etwas nicht stimmt: Ich kam aus einem nicht nur deutschen, sondern gar evangelischen „bürgerlichen“ Hintergrund, in dem das chronisch schlechte Gewissen seine alles disziplinierende Rolle spielte. Egoismus war verschrieen und die „Gerechtigkeit auf Erden“ erforderte, beim Teller-leer-Essen an die „armen Negerlein in Afrika“ zu denken. Jeder anständige Mensch, so Thomas Mann mit dem ihm eigenen bildungsbürgerlichen Pathos, war ja im Grunde seines Herzens Sozialist. Staat und Umverteilung standen also nicht zur Diskussion, aber aktuelle, hautnah erlebte Perversitäten und Absurditäten hatten schon für Zweifel gesorgt, ob es wirklich nur um die jeweils „besseren“ Politiker ging: Egal, wie der Gesundheitsminister hiess oder von welcher Partei er kam, eine Jahrhundertreform jagte im Vier-Jahres-Takt die nächste, und die Richtung war doch immer dieselbe: Mehr Lüge, weniger Honorar, mehr Vorschriften. Das daraufhin, also nach der Initialzündung im Zahnärzteblatt gekaufte erste Baader-Buch war natürlich „Kreide für den Wolf“, aus dessen „Traum“ offenbar zitiert worden war. Ich habe mein Exemplar jetzt nochmal durchgeblättert: es trägt die Spuren wildester Begeisterung, ja, es dürfte sogar das erste Buch sein, in dem mein anstreichender Stift aber auch jede Hemmung vor der Intaktheit des bildungsbürgerlichen Mediums abgelegt hat: Striche und Randnotizen, Rahmen und sogar Textmarker-Hervorhebungen auf bald jeder Seite. Und – noch kein Fragezeichen an seinem „Wunschtraum von dem ein für alle mal festgesetzten Steuersatz“.

Das Buch habe ich dann gleich vierzig mal gekauft und an Bekannte und die damals vielversprechende neue Partei DM, Die Mitte, verschenkt, und auch der darauffolgende „Faule Zauber“ mit seiner schon grundsätzlicheren Staatskritik fand sich auf zahlreichen Weihnachtstischen von Bekannten. Ich weiss, dass es hier und da das Denken angeregt hat. Mittlerweile hatte schon ein sporadischer, aber intensiver Briefwechsel über Perspektiven von Liberalität in der Realpolitik eingesetzt, denn Roland Baader war sich nicht zu schade, meine damals noch verkniffenen, gärenden, ungeklärten Vorstellungen ausführlich zu kommentieren: Aus heutiger Sicht pseudoliberale sozialstaatliche Umverteilungsmodelle nach der Devise „Gebremster Schaum auf Zuckerbrot“. Seine selbstgewählte Aufgabe war es, so wörtlich, „den allesverschlingenden Vampirstaat zu desavouieren und den verhöhnten Nachtwächterstaat zu propagieren“.

Über ein Jahr nach dem schmerzlichen Verlust seiner über alles geliebten Frau kam es 1999 zum Gedankenaustausch über die Frage, ob und wie ein legitimer Kernbereich staatlicher Struktur zu bezeichnen und vor allem gegen Machtgelüste zu verteidigen, abzugrenzen also zu de-finieren sei. Baader führte natürlich die Hayek’sche „Körperschaft“ an, die „nicht regieren, sondern nur allgemeine Regeln aufstellen“ solle. Das muss der Keim derjenigen Gedanken geworden sein, die in mir in den nächsten Jahren zu verfassungsrechtlichen Spekulationen gereift sind. Und meine erste Veröffentlichung in „eigentümlich frei“ mit dem Titel „Die Steuer-Kopf-Wahl“ hat er zunächst ausgesprochen enthusiastisch aufgenommen. Unser Briefwechsel kreiste darum, wie auch um seinen Intellektuellen-Verriss „totgedacht“, und in erstaunlich-vertraulicher Offenheit erzählte er von der belasteten familiären und gesundheitlichen Situation. Für mich war es dann wie ein Ritterschalg, von ihm im Kreis der eifrei-Autoren willkommen geheissen zu werden und zu hören, man habe mit der sogenannten „Steuer-Kopf-Wahl“ den besten Verfassungsentwurf kreiert, der ihm bekannt geworden sei und der jedenfalls alles hinter sich lasse, was sein immer sehr verehrter Lehrer von Hayek dazu geschrieben habe. Später sprach er allerdings von einer anthropologischen Utopie und schätzte von daher die Aussichtslosigkeit der Implementierung einer solchen Verfassung höher ein als die Aussichtslosigkeit der Etablierung eines privaten Goldgeldes und eines privaten Bildungswesens – denn das sind neben der Verfassung und der Sezession die beiden anderen von vier denkbaren Strategien zur Freiheit. Das war vielleicht eine persönliche Willensentscheidung, und momentan sieht ja wahrhaftig fast jeder von „Gottes zweitbesten Menschen“ wieder den Goldstreif am Währungshimmel, während ein Verfassungsmodell für ein gesellschaftliches Gebilde nach einer Sezession noch keine besondere Nachfrage geniesst.

Sein Lehrer von Hayek hat Roland Baader nie losgelassen, und ich denke, diese persönlich prägende Bindung ist der letzte Grund, weshalb er, trotz intellektueller Einsicht in die besseren Argumente der Anarchisten, fast zeitlebens Minarchist blieb, wohl wissend, dass jeder Staat die unbezwingliche Tendenz zum totalen Staat hat. Er hat sich in Briefen wiederholt bekannt als Anarchist im Herzen, aber Minimalstaatler aus Verstandesgründen, eben aus Verzweiflung an der Natur von „Gottes zweitbestem Menschen“, wie er eben, zu weit über 99 Prozent, sei. Erst jenseits der Papierwand etatistischer Vorstellungen, die aber damals ihm wie mir noch als naturgegebene und festgefügte Grundlage jeder zivilisierten Sozialität erschien, erst nach dem erkenntnisweisen und gemüthaften Durchbruch durch diese Papierwand werden die beiden einfachen Fragen seines Freundes Hans-Hermann Hoppe virulent: Erstens und vor allem:

Wer würde bei klarem Verstand auf einen Vertrag eingehen, der unwiderruflich einem anderen das letzte Entscheidungsrecht gibt, und zwar in allen zukünftigen Streitfragen, einschliesslich des Streits mit ihm selbst? Gar, wenn damit explizit das unwiderrufliche Recht verbunden ist, beliebige Anteile seines Eigentums zu konfiszieren? Und das, ohne wenigstens zu definieren, vor welchen Gefahren er ihn denn, und in welchem Ausmass und mit welchen Freiheitsbeschränkungen, zu beschützen gedenkt?

Und dann zweitens: Wenn die Anzahl bedruckter oder elektronisch erzeugter Bankzettel tatsächlich wesentlich für die Wohlfahrt einer Gesellschaft wäre, warum sollte es dann noch arme Gesellschaften geben?

„Sapere aude“, „Wage zu wissen“, das sind die goldenen Worte der Aufklärung, mit Betonung nicht des Wissens, sondern des Wagens, des Mutes zur Erkenntnis. Und Roland Baader hat viel gewagt im Leben, er hat den grossen Schritt getan vom Unternehmer, der in seiner kleinen Sphäre kämpft, zum Privatgelehrten, dem das Ganze angelegen ist, und zwar mit aller ansteckenden Leidenschaft: Dieser Ausdehnung der Sphäre wegen, so sagt Schopenhauer, nennt man einen Menschen gross, womit man dann sagt, dass er, der menschlichen Natur entgegen, nicht seine eigene Sache gesucht hat, nicht für sich, sondern für alle gelebt hat.



Roland Baader hat nicht nur an seinem Krebs und dem Verlust seiner geliebten Frau gelitten, sondern ebenso an der Einsamkeit des Freiheitsfreundes jenseits der Papierwand, die wahrscheinlich wir alle, wir heute hier versammelten Sonderlinge, ganz gut kennen. Viele von uns konnten ihm wenigstens punktuell ein wenig zurückgeben von der Freundschaft, die er uns bewiesen hat, und jeder, der mit ihm Umgang hatte, kann nachvollziehen, wie froh ich bin, dass es 2008 trotz seiner zunehmend belastenden Krankheit und seiner Zuwendung zu alltäglichen sozialen Kontakten wenigstens ein einziges Mal zur intensiven Begegnung mit seiner beeindruckenden Persönlichkeit in seiner ebenso beeindruckenden Bibliothek kam.

Dort an seinem Schreibtisch stand „die Lampe, deren nächtlicher Schein den ganzen Erdball erleuchtet“, wie Heinrich von Kleist von den Dichtern und Denkern sagt.